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ausgebootet.eu

Nahe Höllen, ferne Himmel
Gottesstaat, Diktatur, Oligarchie, Primat der Ökonomie als Ökonomie der Primaten: So oder so, in seiner Würde ist der ganze Mensch unerwünscht. Mal hat er den falschen oder keinen Glauben, mal fehlt ihm die passende Nationalität, die richtige Hautfarbe, das richtige Geschlecht. Mal hat er kein Geld, keine Arbeit, ist kein optimiert Gesunder, zu jung oder zu alt, dient nicht der einzig guten Armee im aktuellen ›heiligen‹ Krieg oder in jenem gegen die vermeintliche Achse des Bösen.

Funktioniert der Mensch nicht als Konsument, wird er überflüssig. Einmal von den Verhältnissen ruiniert, ruiniert er auch sich selbst: als religiös oder politisch gläubiger Fundamentalist, als Amok- oder Mit-Läufer, als Verführter, Opfer, Suchtruine, Vereinsamter. Mit der Entsolidarisierung, mit dem Verlust der Menschlichkeit, Ausgrenzung, Flucht und sozialem Abstieg gehen Verwahrlosung, Verrohung und Gewalt einher. Mit dem Verschwinden noch der kleinsten Alltags-Paradiese beginnen die Höllenfahrten. Und wer etwa die Fahrt übers Mittelmeer überlebt, wird an Europas Küsten ausgebootet: ab ins Zeltlager, ins Heim, auf den Strich oder Arbeiterstrich als Tagelöhner unter Mindestlohn.

›Man kann mit einer Wohnung einen Menschen genauso töten wie mit einer Axt‹, schrieb einst Heinrich Zille. Aber es geht auch mit keiner Wohnung, in Ghettos, in verödeten Stadtvierteln, an menschenunwürdigen Arbeitsplätzen. In Unter-, Gegen-, Parallel- und Innenwelten versuchen die armen Teufel dann zu überleben und erfinden sich ihre eigenen Himmel – oft nur Zerrbilder der Macht- und Ohnmachtsgesellschaften, aus denen sie hervorgingen.

Einige immerhin finden Wege der Subversion:
als Künstler, Hacker, Whistleblower, im humanistischen Aufbegehren oder schlicht in der konkret humanitären Hilfe.

Neben gut recherchierendem Journalismus, sozial verantwortlicher Wissenschaft erzählt die Kunst, vor allem die Literatur, vom Störfall Mensch, von Krisen- und Kriegsgewinnlern, von Fluchten und Ausflüchten, Hundeleben und Stinkreichen.
Literatur schafft einen empathischen Raum, in dem man jenen Ausgegrenzten begegnen kann, die in den Gated Communities erst gar keinen Einlass finden oder im öffentlichen Alltag von der Security aus den Malls vertrieben werden. Guter Literatur geht es aber nie um Genremalerei des Elends oder langweiliges Lamento. Literatur verdeutlicht über Fantasie, Haltung und Sprache immer auch Macht-Zusammenhänge.
Als Erzählte zumindest werden Menschen als Menschen sichtbar und erhalten ihre Würde zurück. Und vielleicht auch die Leser, falls sie sich für das Leiden der anderen öffnen und es nicht mehr nur hinnehmen.

Gerd Herholz